Irritationen, die sich lohnen
„Meine Bilder leben von Figuren, die extremes Mitgefühl erzeugen – von emotionalen Momenten. Das ist ein guter Einstieg ins Bild“, erklärt Paul Pretzer. Der Maler mit Wahlheimat Berlin schätzt es, wenn manche Dinge unausgesprochen bleiben. Manchmal liefert auch der Titel einen Hinweis, wie das Bild gelesen werden möchte. „Showtime (Englischrot)” lässt daran allerdings zweifeln. Mehr Zurückhaltung geht fast nicht. Der Mensch versteckt sich hinter einem monochromen Bild in Rot. Eigentlich wird das Ensemble ziemlich verloren. Melancholie spielt eine wichtige Rolle in Pretzers Werk, der 1981 im estländischen Paide geboren wurde, mit seinen Eltern später nach Deutschland emigrierte und in Kiel sowie in Dresden Kunst studierte. Sein Output ist bemerkenswert, handwerklich unglaublich und immer bildgewaltig. „Irgendwas zwischen eklig, bemitleidenswert und ein wenig komisch“, hat Pretzer mal über seine Arbeiten gesagt, die für ihn alles andere sein sollen als eindeutig: „Je mehrdeutiger, desto besser. Und je nachdem, wie der Betrachter geartet ist, pendelt das eher in die eine Richtung aus oder eben in die andere. Ich versuche bewusst einen Zustand zu erreichen, bei dem man nicht weiß, worum es geht. Das könnte dieses oder jenes sein. Davon leben am Ende die Bilder.“ Konkret und mysteriös zugleich. Möchte uns der Maler mit seinen Ausführungen noch weiter verwirren?
„Hhm. Die Bilder werden ja auch so merkwürdig, weil ich sie formal und abstrakt denke. Manchmal spüre ich, dass noch irgendetwas ins Bild muss, um die Komposition zu klären – in einer bestimmten Größe oder bestimmten Farbe. Das ist sozusagen der erste Gedanke. Dann überlege ich mir, was das für ein Ding sein könnte. Und manchmal wird durch die Größe und die Farbe der Inhalt bestimmt. Dann denke ich mir irgendein Teil aus, das ins Format passt, aber inhaltlich irgendwie seltsam ist. So entstehen seltsame Situationen – und die Leute fragen sich vielleicht: Wie kommt er denn dazu, das so zu kombinieren? Am Ende ist es eine formale und farbliche Entscheidung. Sogar eine Apfelsine kann mit anderen Dingen sehr befremdlich wirken. So entstehen rätselhafte Welten.“
Pretzers Farbenpracht und Kompositionen sind bisweilen seinen Streifzügen durch Museen geschuldet, seine Bildwanderungen zwischen Humor und Melancholie inspiriert das Leben: „Es ist facettenreich, wahnsinnig schön und gleichzeitig so brutal und grausam. Ich finde, das spiegelt sich – und sollte sich auch in der Kunst widerspiegeln. In diesem Spannungsfeld befinden sich meine Bilder.“
„Manchmal ganz humorvoll und dann sehr krass. Meine Kompositionen sind streng und durchdekliniert – und doch ist da immer dieser absurd lustige Inhalt.“
Paul Pretzer
Und so entsteht eine magische Aura, die polarisiert, getragen von wiederkehrenden Motiven. Wie schön, dass viele von ihnen auf kleineren Formaten wiederkehren und so zu Hause noch ein Plätzchen finden können. Pretzers Professor in Dresden gab ihm diesen Gedanken wohl mit auf den Weg: „Das kleine Format schaut man mit dem Herzen an. Das große mit dem Kopf.“ Pretzer gefällt die Idee. „Beim Kleinformat gibt es eine andere Intimität. Wenn es um die Gefühlsebene in der Malerei geht, ist es stärker. Man kann die Sachen kompakter präsentieren, und die Leute haben einen besseren Bezug dazu.“ Es sind echte Kabinettstückchen.





