Blaumachen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin, kurz KPM, haben das immer wieder mal versucht, aber erst in den 1950er-Jahren so richtig hinbekommen. Schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts gab es erste Versuche mit Kobaltblau, also echtem Kobaltoxid, anstelle synthetischer Farbstoffe – zum Beispiel auf Dekoren von Else Möckel.
Doch die Produktionskosten waren enorm hoch und der Ausschuss gewaltig. Der Scherben wurde bei dieser Unterglasurmalerei ungebrannt dekoriert und anschließend bei 1.400 Grad Celsius gesintert. Was häufig zu einem einem unerwünschen Effekt führte: Die blaue Farbe strahlte in ihre Umgebung aus, Konturen des Motivs auf weißem Porzellan verwischten.
KPMs blaue Periode
Als in den Fifties Kobaltblau immer beliebter wurde, widmeten sich die beiden tonangebenden KPM-Malerinnen – Luise-Charlotte Koch und Sigrid von Unruh – dem Thema. 1956 begann eine umfangreiche Produktion. Aus dieser Zeit stammt die abgebildete Schale, ein Entwurf von Trude Petri aus dem Jahr 1953. Von Unruh kreierte das Dekor 1958.


Eher selten: Zu ihrem Dessin hat sich eine Korrespondenz erhalten, in der die Gestalterin ihre Intention darlegt: Der Dekor war für sie die abstrahierte Darstellung eines südlichen Traums, zu dem Reisen durch Frankreich, Italien und die Schweiz inspirierten. „Aber die Deutung ist dem Betrachter nach Belieben überlassen“, schrieb von Unruh. Sie selbst dachte beim Malen an traumhafte Blätter, die auf einem Wasserstrudel treiben. „Es könnte etwa die schöne griechische Quellnymphe Arethusa gerade getaucht sein, zurück bliebe von ihr nur ein flüchtiges Kreisen des Wassers, eine blaue Spirale mit einigen Blättern darauf.“
Die Komposition wurde mit einem breiten Pinsel aufgetragen – entstanden aus der Freude an verschiedenen Blautönen. Nach dem Brand erhielt die äußere Wandung der Schale eine Aufglasurbemalung, ein Ringeldekor in zartem Türkis und partielle Goldstaffage im Spiegel – so wird der Schalenboden bezeichnet.
„Es könnte die schöne griechische Quellnymphe Arethusa gerade getaucht sein, zurück bliebe von ihr nur ein flüchtiges Kreisen des Wassers, eine blaue Spirale mit einigen Blättern darauf.“
Sigrid von Unruh
Im Strudel der Gefühle
Der Höhepunkt der kobaltblauen Zeit war 1963 im Jubiläumsjahr der Manufaktur. Luise-Charlotte Koch entwarf in diesem Jahr den Dekor für die Vasen „Halle“, die Marguerite Friedländer 1931 entwickelt hatte – eine Ikone aus der Bauhaus-Ära. Viele faszinierende Objekte sind in zwei Jahrzehnten entstanden: die Staudenvase (Design Trude Petri, 1935) – von Unruh zauberte darauf ein architektonisch anmutendes Szenario – oder die Obstschale mit Sternenstrudel von Charlotte Koch aus dem Jahr 1958.
Mit dem Ausscheiden der beiden Malerinnen und Freundinnen endete die blaue Periode relativ bald. Geblieben ist die Faszination für Kobaltoxid und die räumliche Tiefe, die es auf den Gefäßen schafft – sowie die wahrlich traumhaften Dekore. Blau steht für Ruhe, Würde, Seriosität, Melancholie. Es ist die Farbe des Geistes, so heißt es. Doch ihr werden auch physisch positive Eigenschaften nachgesagt: Der Puls wird gesenkt, der Blutdruck beruhigt und Stress abgebaut. Lauter gute Gründe, auch in der Einrichtung mal blauzumachen.

