
Landregen. Schauer. Taifun. Das sind verschiedene Arten von Niederschlag, der in Japan ein landesweit verbreitetes Phänomen ist – trotz klimatischer Unterschiede der einzelnen Regionen. Es regnet oft und überall. Intensive Sommerregenfälle prägen die klassische Monsunzeit, bekannt als „Tsuyu“. Von Juni bis Juli kreieren sie eine entspannende Klangkulisse – sei es auf den Schindeln von Hausdächern oder in den Blattkronen der Bäume. Kein Vergleich zu den Sintfluten, mit denen die Taifun-Saison im Herbst hereinbricht. Doch in Japan gilt selbst dieser stärkste aller Niederschläge als Segen und Notwendigkeit, besonders in den agrarisch geprägten Regionen.
Die japanische Sprache kennt daher viele Wörter, um Regen zu beschreiben. In der Dichtkunst ist seine Bedeutung schon früh verewigt worden. Das inspirierte andere künstlerische Traditionen wie den Holzschnitt, nachzuziehen. Es ist faszinierend zu sehen, wie seine Meister mit dem Thema umgehen, was für faszinierende Geschichten sie dabei festhalten und welch wunderschöne Darstellungen ihre einzelnen Techniken hervorbringen.
Das nennt man mal Wetterdynamik!
Ukiyo-e, die korrekte Bezeichnung für japanische Farbholzschnitte, haben ihren Ursprung in der japanischen Edo-Zeit von 1603 bis 1868. Besonders im 19. Jahrhundert war Regen ein wiederkehrendes Motiv. Wie in der Sprache, entwickelten die Künstler eine Vielzahl von Ausdrucksmöglichkeiten, um das himmlische Nass darzustellen. Allen voran Utagawa Hiroshige (1797–1858), ein angesehener Landschaftsmaler, der weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt wurde und den Beinamen „Dichter des Regens“ erhielt. Seine Werke inspirierten auch die europäischen Impressionisten. Als Beispiel oben auf dieser Seite habe ich den „Regenschauer bei Shōno“ ausgewählt, ein Blatt aus den 1830er-Jahren.
Ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, wenn auch aus der nachfolgenden Meiji-Zeit (1868–1912), stammt der Holzschnitt „Fujiwara no Arihira im Regen“. Tsukioka Yoshitoshi bannte die Momentaufnahme eines heftigen Schauers ins Bild: Sie zeigt Fujiwara no Arihira (891–970), der während der Regierungszeit von Kaiser Murakami (962–967) durch verschiedene Regierungsämter zum Minister zur Linken aufstieg, in das zweithöchste Amt am kaiserlichen Hof. Es ist überliefert, dass er während seiner Amtszeit keine einzige der morgendlichen Versammlungen versäumte. Eines Tages waren Wind und Regen so stark, dass nur eine einzige Person an der Sitzung teilnahm – er selbst. Dieser Druck zeigt den Staatsminister Fujiwara no Arihira und seinen Assistenten im Dienst des Kaisers, wie sie sich durch den Sturm zum Palast kämpfen.
Ein besonderes Detail: Die Drucke der Erstausgabe weisen einen gemusterten Rand in verschiedenen Farben auf, während die Ausgabe von 1902 einfache Papierränder hat. Das vorliegende Format ist Oban tate-e, publiziert wurde es bei Matsuki Heikichi. Links unten ist das Blatt mit „Oju Yoshitoshi hitsu“ signiert.


Kleine und große Wetterkapriolen
Weitaus turbulenter geht es in einem Szenario von Hiroaki Takahashi Shōtei (1871–1945) zu: „Gewitter bei Tateishi“ fängt einen dramatischen Moment auf der Miura-Halbinsel ein, als ein heftiges Unwetter über die Küstenlandschaft hereinbricht. Im Vordergrund eilen zwei Reisende einen Weg am Flussufer entlang, ihre Gewänder flattern im Wind, während gezackte Blitze den dunklen Himmel durchkreuzen. Eine Gestalt schützt sich unter einem großen Papierschirm vor den Böen, während die andere sich an einen Regenumhang aus Stroh klammert; ihre hastigen Bewegungen unterstreichen die plötzliche Stärke des Sturms. Welch großartige Inszenierung!
Die Komposition besticht durch ihre kraftvolle, diagonale Dynamik. Leuchtende Blitzstreifen durchschneiden den Abendhimmel und erhellen die wirbelnden Gewitterwolken sowie die vom Wind gepeitschte Kiefer, die sich zum Fluss hinunterneigt. Die hellen Blitze stehen in scharfem Kontrast zu den tiefen Anthrazittönen des Himmels, während die lebhaften Farben der Kleidung und des Regenschirms der Reisenden markante visuelle Akzente in der ansonsten dunklen Landschaft setzen. Shōteis Fähigkeit, Wetter und Atmosphäre zu vermitteln, wird hier besonders deutlich, da Wind, Regen und Donner in diesem Moment fast greifbar erscheinen. Der einsetzende Regen ist in Form lang gezogener, parallel verlaufender Streifen elegant skizziert.
Shōtei begann schon als Teenager in der Designabteilung der Kaiserlichen Hofagentur zu arbeiten. Er studierte Nihonga, also Malerei im japanischen Stil, bei seinem Onkel Fuko Matsumoto, arbeitete aber auch als Illustrator für Zeitschriften und Lehrbücher. Shōteis Drucke waren bekannt für ihre realistischen und zugleich poetischen Darstellungen, in die oft Elemente der japanischen Ästhetik wie Kirschblüten, Laternen und traditionelle Architektur einflossen.
Einer seiner berühmtesten Holzschnitte überhaupt ist die „Izumi-Brücke im Regen“. Zwei einsame Gestalten überqueren darin das Bauwerk, während es wie aus Eimern schüttet. Es sind Reisende, deren Regenschirme sich gegen den schrägen Regen stemmen. Das Holz der Brücke ist reich strukturiert, fast skulptural in seinen schichtartigen Schatten und Lichtreflexen. Das sanfte Licht einer Laterne leuchtet schwach, während der Regen in klar definierten diagonalen Strichen fällt, die den Druck wie ein Schleier durchziehen und gleichermaßen verdecken wie enthüllen.

Der Baum auf der linken Seite, kahl und hochragend, verleiht der Komposition Halt und verankert den Betrachter in einem Gefühl des Wechsels der Jahreszeiten. Ist es Herbst oder beginnender Frühling? Die Farbreflexe im Wasser darunter bilden einen ruhigen Kontrast zur atmosphärischen Spannung auf der Brücke. Nächtlichen Regen darzustellen, ist eine besondere Herausforderung, der sich einige japanische Meister gestellt haben.
Die Ruhe nach dem Sturm
Eine der schönsten Nachtszenen zeichnet das Blatt „A Rainy Day at Kudan“ (um 1910) von Kobayashi Kiyochika (1847–1915). Diese Weite am Meer – der imposante Leuchtturm, ein Bau von 1871 – die Menschen, die sich eilig über den Platz bewegen. Was für eine wunderbare Zeitreise in das traditionelle Japan. Sie ziert eine 21-teilige Serie, die der Verlag Hasegawa bei sechs verschiedenen Künstlern in Auftrag gegeben hatte. Ihre schlichten Nacht- und Abendansichten in Sepia-Farben und Blau wurden bis in die 1930er-Jahre produziert. Den einzelnen Urhebern maßen die Verleger dabei wenig Bedeutung bei: Manchmal fehlen die Künstlersiegel oder wurden sogar durch gefälschte Signaturen ersetzt. Möglicherweise hatte das Verlagshaus die Strategie, übereilt Käufer zu täuschen. Ein von Hasegawa-Nishinomiya herausgegebener Katalog aus den 1920er Jahren illustriert jedes der einundzwanzig Motive mit Titeln, ohne jedoch den jeweiligen Künstler zu nennen. Über viele Beteiligte an dieser Serie ist nur wenig bekannt.
Kiyochika war abgesehen von seinem Beitrag ein ganz anderer Coup gelungen: Regen darzustellen, ohne dass man diesen sieht. In seinem Blatt „Crossing a Bridge at a Rainy Night“ verzichtet Kiyochika auf explizite Regenlinien. Stattdessen stellt er den Niederschlag mit einer atmosphärischen Trübung, Pfützen am Boden und glänzenden Oberflächen dar. Betrachtet man sich das Werk genauer, so sieht man aufgespannte Regenschirme bei den Passanten – der eindeutigste Hinweis auf Regen. Ein tadelloses Exemplar dieses Holzschnitts im Chuban-Format (25,8 x 19 cm) kann bei mir im Store erworben werden – fertig gerahmt mit einer Holzleiste und hinter Museumsglas.


Dasselbe gilt auch für ein Werk von Shiro Kasamatsu aus dem Jahr 1938. Der Künstler wendet darin ähnliche Stilmittel an wie Kobayashi Kiyochika. Zu sehen ist der Shinobazu-Teich in Tokio. Eine Person überquert die Brücke zum Bentendo-Tempel. Wichtigster Hinweis auf den Regen ist ein aufgespannter Schirm. Es scheint, als könnten wir darauf das leise Trommeln der Tropfen hören. Eine Faszination, die anhält und bei jedem Blick wiederkehrt. Mal für zuckende Blitze und gleich folgt der tosende Donner oder das Aufheulen einer plötzlichen Windhose. Oder die Ruhe danach. Einfach wundervoll.


