Perfekt unperfekt – oder Wabi-Sabi

Vor ein paar Tagen kam ein Freund im Laden vorbei, um mir einen Coffee Table von Charlotte Perriand in Kommission anzubieten. Eine Re-Edition von Cassina aus Italien. Dabei betonte der Design-Fan gleich mehrmals, dass der Tisch absolut makellos wäre: „Kein einziger Kratzer. Wie neu.“ Seine Idee von Idealzustand. Er sah sich ein bisschen um und konnte es sich nicht verkneifen, einen Kommentar über ein Paar Leder-Fauteuils zu machen, die in meinem Geschäft derzeit stehen: „Na, die Sessel waren auch mal braun“, schmunzelte mein Besucher. Zugegeben: Das Tageslicht hat aus dem ursprünglichen Schoko-Ton des Leders ein elegantes Silbergrau-Braun werden lassen. Mich begeistert das Duo.

Hochwertig gefertigte Dinge altern einfach besser

Der Hintergrund: Es handelt sich um zwei Unikate. Zu einem ursprünglichen Prototyp wurde ein zweites Exemplar angefertigt. Wirklich einmalig. Bezogen mit allerfeinstem, handschuhweichem Anilinleder – ein offenporiges Glattleder, das ausschließlich mit löslichen Farbstoffen gefärbt und nicht mit einer Deckfarbschicht überzogen wird. Es ist das natürlichste Leder, da die Narbenstruktur sichtbar bleibt. Anilinleder ist geschmeidig und fühlt sich immer warm an. Aufgrund einer fehlenden Schutzschicht ist es jedoch empfindlich gegen Fett, Flecken und Licht. Natürlich lässt das Leder Farbe, vor allem bei direkter Sonneneinstrahlung. Doch das ist (s)ein Qualitätsmerkmal.

Das ist meine Idee von Idealzustand. Denn diese Art Patina erhöht die Attraktivität der Möbel. Das Thema Zeit ist sichtbar, der Gebrauch, die Sessel haben Charakter und altern in Würde. Ich finde das großartig. Lackiertes Leder wirkt dagegen schnell schäbig und ist final ein Fall für die Tonne. Mein Qualitätsanspruch gilt auch für einige Leuchtenschirme zu Porzellan- und Glasfüßen aus den 1920er-Jahren, die auf Maß gefertigt wurden. Das Weiß der Kartons ist einem warmen Gelb gewichen. Obwohl sich dieser angenehme Farbton inzwischen mit smarten Leuchtmitteln imitieren ließe, hat ein vergilbter Schirm einen höheren Charme-Faktor und eine gute Ausstrahlung.

Die Vorstellung, dass Alters- und Gebrauchsspuren die Attraktivität eines Gegenstands erhöhen, stammt aus dem Zen-Buddhismus

Die Auffassung, dass Altersspuren wie diese attraktiv sind, haben wir der japanischen Philosophie des „Wabi-Sabi“ zu verdanken. Sie stammt aus dem Zen-Buddhismus und feiert die Schönheit des Unvollkommenen, Vergänglichen und Unfertigen. Patina wird als Gegenpol zu Perfektion und Konsum verstanden. Den Lauf der Zeit als Teil des Lebens zu akzeptieren, führt uns wie von selbst zu einem weiteren Aspekt, dem Originalzustand.

Ein Entwurf aus der Mid Century Moderne, ausgeführt nach 2010. Die Sonne hat das ursprüngliche Braun der Sessel in ein elegantes Greige verwandelt.
Perfekte Details, und das selbst nach Jahren. Das offenporige Anilin-Leder ist ein Handschmeichler, von dem die Finger nicht mehr loskommen.
Trotz knackiger Silhouette hat der tanzende Faun Patina angesetzt. Darf und muss er auch. Er ist älter als 125 Jahre: eine neapolitanische Bronze nach einem Vorbild aus Pompeji.

Der Originalzustand ist ein wichtiges Bewertungskriterium

Ein Biedermeier-Schrank und eine Kirschholz-Kommode im Portfolio von SD Schöne Dinge haben einige Kratzer auf der Front und Oberseite. Der Restaurator meines Vertrauens hat sie belassen: „Nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich,“ lautet sein Credo. Kunden wie Museen oder die deutsche Bundesregierung, für die er schon Botschaften und Schlösser mit besonderen Stücken ausgestattet hat, wissen das zu schätzen. Für den Antiquitätenfachmann kommen nur Stücke in Betracht, denen man ihre ursprüngliche Entstehungszeit ansieht – die nicht „kaputtrestauriert“ sind. Dem schließe ich mich an. Und was für Möbel gilt, hat auch für andere Objekte Relevanz.

Der tanzende Satyr aus Bronze in meinem Schaufenster, ein neapolitanisches Werk aus der Zeit um 1900, darf und muss einige Verfärbungen auf Oberschenkel und Rücken haben. Diese Zeitzeichen sind Kennzeichen von Authentizität. Schließlich handelt es sich um keine Neuware oder Replik.

Eine Rolex ohne Kratzer? Schwierig. Eine Kelly Bag ohne abgewetzte Ecken? Traurig. Es sind Gebrauchsgegenstände!

Gebrauchsspuren sind auch in der Mode das A und O. Schuhe wirken erst dann klasse, wenn sie Tragespuren haben und man merkt, dass sie gerne ausgeführt werden. Gepflegt, versteht sich. Gleiches gilt für einen Borsalino oder ein Chanel-Kostüm. Bei komplett neuen Outfits fehlt oft ein Stück dieser lässigen Selbstverständlichkeit, die Trägerinnen oder Trägern Souveränität verleiht. Eine Rolex ohne Kratzer? Schwierig. Eine Kelly Bag ohne abgewetzte Ecken? Sonderbar. Gebrauchsspuren gehören einfach dazu. Am Ende ist es eine Frage der Haltung – in der Fashion wie im Interieur.

Die Schönheit des Lebens

Imperfektion belebt eine Einrichtung. Das reicht von der besagten Patina Sesseln oder Sofas aus Leder bis zu „guten“ Gebrauchsspuren auf Textilien, Holz oder Stein. Sie zeigen: Hier wird gelebt. Der belgische Kunsthändler Axel Vervoord hat Wabi-Sabi in Europa salonfähig gemacht – siehe dieses Vido auf YouTube .

Wie monoton wirken demgegenüber Perfektion, Uniformismus und Makellosigkeit, wie sie von den Global-Playern der Einrichtungsbranche zelebriert werden? Passt alles zusammen, wähnen sich manche auf der sicheren Seite – doch vieles davon erinnert an angesagte Looks von gestern. Brüche und Irritationen sind heute spannender und inspirieren uns. Sie sind so schön menschlich …

Cooler Auftritt für eine Kelly Bag. Ihr Träger stellt sie auch schon mal auf dem Asphalt ab, wenn’s im Straßen-Café einen Cortado gibt.
Nach oben scrollen