Seit einigen Jahren begeistert das Thema „Vintage“ ganze Generationen junger oder jung gebliebener Menschen. Unter dem Begriff versteht man meist hochwertige Gebrauchsgegenstände wie Mode und Möbel, die aus den 1920er bis 1990er-Jahren stammen. Vier der Leuchten auf der Kommode in meinem Laden erfüllen diese Kriterien – etwa die „Oslo“-Leuchte mit ihrem drehbaren, rostroten Schirm aus den Sixties. Doch das ist nur ein Aspekt dieses vielschichtigen Phänomens.
In vielen Städten beobachtet man Gruppen von Youngstern, die Second-Hand-Läden auf der Suche nach besonderen Stücken durchkämmen. Dabei steht der Wunsch im Vordergrund, sich von der Masse – und wohlmöglich vom Look der eigenen Eltern – abzuheben. Jeder möchte sich „ultraindividuell“ kleiden. „Vintage“-Mode bietet die Möglichkeit dazu, ist außerdem erschwinglich und im Vergleich mit Klamotten der Generation Primark wesentlich ökologischer. Es lebe die neue Achtsamkeit.
Mehr als ein Trend: in Würde altern
Auch der Hype von Mid-Century-Möbeln entspricht dem Wunsch, einzigartig zu leben und zu wohnen. Skandinavische Moderne und amerikanische Design-Objekte stehen ganz oben auf der Wunschliste vieler Einrichtungsfans. Zum einen sind sie oft günstiger als entsprechende Neuware, zum anderen macht die Jagd nach angesagten Klassikern Freude.
Es gibt jedoch eine weitere, spannende Facette: das Thema Patina. Gebrauchsspuren nicht als Makel zu sehen, sondern als Ausdruck individueller Schönheit, das haben uns die Japaner gelehrt. Nach wie vor keine gängige Meinung für uns Europäer, aber eine Entwicklung, die Schule machen könnte. Denn: Die Verarbeitungsqualität vieler Stücke lässt sie in Würde altern. Das Holz skandinavischer Möbel aus vergangenen Jahrzehnten hat inzwischen einen warmen Farbton. angenommen, den wir als wohltuend empfinden. „Vintage“-Mobiliar schafft eine angenehme Atmosphäre.
Doch das kann genauso für betagtere Stücke gelten: Die Biedermeierkommode im Foto ist über 200 Jahr alt und trotzdem wirkt ihre schlichte Form sehr modern. Das durchlaufende Furnierblatt, ein Qualitätsmerkmal, und die Gebrauchsspuren des Möbels verleihen ihm Lebendigkeit. Ist „Vintage“ also nur ein neues Wort für antik?

Die Retro-Welle rollt
Noch in den 1980er-Jahren rümpften Kunsthändler beim Begriff Biedermeier die Nase. Die Stilrichtung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1815-1848) galt weder als antik, noch als sammelwürdig, weil sie zu jung war. Gleiches traf auf spätere Epochen zu – vom Jugendstil bis zur Design-Ära vor der Jahrtausendwende. Das wandelte sich schnell. Schon in den 1970er-Jahren war das Interesse an Art Nouveau gewachsen, wenig später rückten Art déco und die Forties in den Fokus von Sammlern und Stylisten. Die Retro-Welle nahm Fahrt auf und erreichte bald die Mid Century Moderne.
Heute, mehr als zwanzig Jahre danach, sind die Möbel aus den 1950er- und 1960er-Jahren fast Allgemeingut. Die Preise für Raritäten aus dieser Ära belegen, dass „Vintage“-Objekte längst den Status früherer Antiquitäten eingenommen haben. Trotzdem spricht man lieber von Vintage, inzwischen selbst bei Antiquitäten im klassischen Sinn, also Objekten vor 1800.
Vintage-Objekte haben längst den Status früherer Antiquitäten eingenommen.
Unser Lifestyle unterliegt Modeerscheinungen: Ende 2024 bis Anfang 2025 war die Münchner Kunsthalle mit der Ausstellung „Jugendstil“ ein echter Publikumsmagnet. Das Interesse an Möbeln und Einrichtungsgegenständen aus der Zeit um 1900 stieg daraufhin sprunghaft an, befeuert von weiteren Museumsausstellungen und Kunstmarkt-Aktivitäten. Ereignisse wie diese beeinflussen den „Vintage“-Trend und stellen immer neue Dinge, Persönlichkeiten und Zeiten ins Rampenlicht. Den aktuelle Hype von „pre-loved“ Taschen befeuern Social-Media- und Online-Plattformen wie Instagram oder Vestiaire Collective.

Wenn es rund läuft: Kreislaufwirtschaft
Egal ob Bekleidung, Luxustaschen von Hermès oder Louis Vuitton, Möbel, Forties oder Fifties. Eines haben alle „Vintage“-Gegenstände gemeinsam. Ihr Kauf ist gelebte Nachhaltigkeit. Ressourcen werden geschont und mit ihnen die Umwelt. Der Lebenszyklus verlängert sich, es entsteht weniger Müll. Wir bewegen uns hin zu einer wünschenswerten Kreislaufwirtschaft mit Themen wie Recyling, Upcycling und Remanufacturing. Für die Käufer bleiben es vorrangig einfach Stücke mit Story, die im besten Fall zu Erbstücken werden.

