Einzig. Aber nicht artig
Für eine Bronze fasst sich die Oberfläche des tanzenden Fauns erstaunlich rau an. Sie hat eine Körnigkeit, wie man sie von antiken Ausgrabungsfunden kennt oder bei Skulpturen, die lange im Außenbereich stehen. Was für einen gelungenen Kontrast dazu bieten der detailreich gestaltete Kopf und seine fein ausgearbeiteten Hände, um nur einige Besonderheiten des Tänzers zu nennen. Einzigartig ist das abnehmbare Feigenblatt, das den Intimbereich verdeckt – oder eben auch nicht. Je nach Gusto. Zeitgleiche Ausformungen der Plastik bieten diese Option jedenfalls nicht.
Unsere Statue misst imposante 81,5 Zentimeter Höhe und ist eine Nachbildung eines antiken Originals (wohl aus dem 2. Jahrhundert vor Christus), das von seinem Entstehungsort Rom nach Pompeji geliefert worden war. Pompeji war damals der Urlaubs-Hotspot wohlhabender Bürger, bis ein Vesuv-Ausbruch die Stadt in Schutt und Asche legte. 1830 tauchte die Originalfigur bei Ausgrabungen wieder auf – eine Sensation, die dem größten, privaten Anwesen Pompejis seinen Namen gab: Haus des Fauns.
Die Popularität der Figur und ihr kunsthistorischer Stellenwert wurden durch die vielen Reproduktionen, die wohlhabende Reisenden anlässlich eines Pompeji-Besuchs als Souvenir offeriert bekamen, nur noch gesteigert. Ein Exemplar der Fonderia Artistica Sommer, die unseren Faun vor 1900 in Bronze ausformte, stand sogar am Ort der Ausgrabungsstätte, um zusätzliche Kaufanreize zu schaffen. Wie schon in der Antike ging es darum, mit dem Erwerb entsprechender Werke das eigene kulturelle Interesse und seinen Wohlstand kundzutun. Obwohl das antike Vorbild selbst römisch ist, handelt es sich wohl um die Kopie eines ursprünglich hellenistischen Werks. Faune waren ein Beispiel für die Geister der ungezähmten Wälder, die von den Römern oft mit Pan und den griechischen Satyrn in Verbindung gebracht wurden, oder Anhänger des griechischen Gottes des Weines und des Ackerbaus, Dionysos.
Obwohl das antike Vorbild selbst römisch ist, handelt es sich wohl um die Kopie eines ursprünglich hellenistischen Werks.
Der gedrehte Oberkörper, die erhobenen Arme und die angehobene Ferse verleihen der Figur ein Gefühl tänzerischer Leichtigkeit und Spontaneität. Ein früher Katalog des Museums in Neapel, in dem die Figur als „ekstatisch“ und nicht wie die meisten Faun-Darstellungen als „berauscht“ bezeichnet wird, trug zweifellos dazu bei, dass die Figur in Sammlungen und Haushalte aufgenommen wurde. Die Originalskulptur aus Pompeji befindet sich in der ständigen Sammlung des Museo Archeologico Nazionale in Neapel , das zu einem der schönsten Museen weltweit gehört.
Giorgio Sommer (1834-1914), Besitzer der Fondaria Artistica Sommer, dem wir diese Ausformung mit abnehmbarem Feigenblatt zu verdanken haben, war sicherlich ständiger Gast in der Museumssammlung. Sein Werdegang klingt wie ein Sommermärchen: Nach einer kaufmännischen Ausbildung kehrte er Frankfurt den Rücken und machte sich nach einem römischen Intermezzo als Fotograf in Neapel selbstständig. Seine Arbeiten dokumentieren Katastrophen wie Vulkanausbrüche und dokumentieren Zeitgeschichte, so erfolgreich, dass der Deutsche in den 1870er Jahren mit der Repliken-Produktion antiker Originale startet. Manche wurden in Terrakotta oder Bronze ausgeformt, später sogar in Marmor. Sommers Portfolio reichte vom verkleinerten Statuetten-Format bis zur Originalgröße. Aufgrund der gusstechnischen Qualität fanden die Arbeiten weite Verbreitung. Der Verleger veröffentlichte seine Werke in illustrierten Katalogen seiner Fonderia (Gießerei) Artistica Sommer. Einiges davon wanderte in den Bestand europäischer Museen.









