Die Gretchenfrage
Als Fritz Klimsch (1870–1960) seine Bronzeplastik „Tanzende“ kreiert, ist er 65 Jahre alt und blickt bereits auf eine erfolgreiche, lange Karriere zurück. Die Figur wurde so gefeiert, dass Rosenthal sie in Weißporzellan und in der Farbe Elfenbein (Foto) herstellte. Dem Stempel zufolge ist unser Modell 1940 im Stammwerk Selb entstanden. Die „Tanzende“ strahlt distinguierte Eleganz aus. Sie scheint zu schweben, wie in einer Art Zeitlupenaufnahme. Während ihre feinen Gesichtszüge noch an den Look der 1920er-Jahre erinnern, ordnet sich der Gesamtentwurf schon einer neuen Klassik unter.
Die Einordnung von Werken dieser Epoche berührt eine zentrale kunsthistorische Frage: Was ist NS‑Kunst? Der stilistische Wandel hin zu klassischeren Formen setzte nicht erst mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 ein, sondern bereits nach der Weltwirtschaftskrise 1929, die das Ende der „Wilden Zwanziger“ markiert. Die neuen Machthaber beanspruchten diesen klassischen Stil jedoch bald nach 1933 für sich und zementierten ihre Kunstideologie spätestens 1937 mit der Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“.
Schmeicheleien
Klimsch war zu diesem Zeitpunkt bereits vom NS-Regime vereinnahmt. Geboren in eine Frankfurter Künstler- und Unternehmerfamilie, studierte er in Berlin und verbrachte prägende Jahre in Rom. Vor 1933 gehörte er zu den renommiertesten Bildhauern Deutschlands: Er war Mitbegründer der Berliner Sezession (1898) sowie der Freien Sezession (1920), Senator der Preußischen Akademie der Künste und Professor an den Vereinigten Staatsschulen in Berlin. Gefördert von Mäzenen wie dem Industriellen Carl Duisberg, spezialisierte er sich ab den späten 1920er-Jahren auf weibliche Aktdarstellungen, die rein von der antiken griechischen Ästhetik („Hellas“) inspiriert waren.
Werke wie „Die Hockende“ (1926) oder später „Olympia“ (1937) wurden als exklusive Bronzen sowie als erschwinglichere Porzellan- und Keramik-Figuren der Manufaktur Rosenthal zu prestigeträchtigen Luxusgütern. Seine „Tanzende“ von 1935 erhielt auf der Pariser Weltausstellung 1937 einen „Grand Prix“. Ihre „klassizistische“ Ästhetik stieß bei den Nationalsozialisten auf große Begeisterung. Das Regime überschüttete Klimsch mit Ehrungen und Großaufträgen. Führende Nationalsozialisten kauften seine Werke oder gaben Porträtbüsten in Auftrag – darunter Erich Ludendorff, Adolf Hitler selbst und die Schauspielerin Marianne Hoppe. Propagandaminister Joseph Goebbels preist Klimsch in seinem Tagebuch überschwänglich als Genie und den „reifsten unter unseren Plastikern“.
Ambivalenz
Klimschs enge Verstrickung mit dem NS-Staat hatte nach 1945 widersprüchliche Folgen. Die neu gegründete Berliner Akademie der Künste schloss ihn 1955 als NS-belastet aus. Dennoch verlieh ihm der baden-württembergische Innenminister Hans Filbinger zu Klimschs 90. Geburtstag im Jahr 1960 das Große Verdienstkreuz. Es zeigt die Ambivalenz, mit der wir bis heute entsprechenden Werken begegnen. Nach dem Krieg lebte der Bildhauer zurückgezogen im Schwarzwald und schuf bis zu seinem Tod nur noch wenige, kleinformatige Werke.
Zwischen den Welten
Geblieben ist ein Werk, das die Zeit überdauert hat und auch den Abschluss einer stilistischen Entwicklung von Klimsch darstellt. Als jugendlicher Künstler zeichnete er den weiblichen Körper mit engen Gewändern nach: Auf diese Weise entstanden jene raffiniert verhüllten, hüllenlosen Tänzerinnen, die er von der Jugendstilepoche an bevorzugte. Die Figuren aus der Zeit der Jahrhundertwende, viele davon in Bronze, bestechen durch ein wie zufällig wirkendes, spontanes Bewegungsmotiv. Anders das Spätwerk „Tanzende“: Die Haltung wirkt eher erdacht als erschaut. Im eigentlichen Sinne ist es gar keine tänzerische Bewegung, sondern die Ruhe zwischen zwei Bewegungsfolgen – zwischen zwei Welten und politischen Systemen: dem Kunstbetrieb der Weimarer Republik und dem der folgenden Nazi-Kultur, die eine ganze Künstlergeneration in den Abgrund riss.











