Kunstspaziergang
Als eine der ältesten Volkskünste weltweit hat der Scherenschnitt seine Wurzeln im Nordchina des vierten bis sechsten Jahrhunderts. Über tausend Jahre später, im 17. Jahrhundert, erreichte das Kunsthandwerk den deutschsprachigen Raum und erlebte in der Goethezeit einen regelrechten Boom.
In einer Ära vor der Erfindung der Fotografie boten die filigranen Silhouetten eine erschwingliche und beliebte Alternative zur klassischen Malerei. Obwohl diese traditionsreiche Kunstform heute nur noch selten praktiziert wird, fasziniert sie nach wie vor durch ihre besondere Ästhetik.
Die Münchner Künstlerin Josephine Kaiser entdeckte den Scherenschnitt durch den Impuls einer Galeristin, die nach einer erschwinglicheren Ergänzung zu ihren Skulpturen suchte. Heute fasziniert sie an diesem Medium besonders die Möglichkeit, ein vermeintlich biederes Traditionszeugnis vollkommen neu zu interpretieren, ohne das Handwerk selbst zu verändern. Mit den lieblichen, romantisierenden Motiven des Biedermeiers oder Jugendstils haben ihre zeitgenössischen Arbeiten daher nichts gemeinsam.
Zwischen Kritik und Politik
Mit dem Skalpell und keineswegs mit einer Schere entsteht Provokatives wie „Hommage a Valie Export“: Was macht der Mann an der Leine der Frau? Hat er Sie für diesen Spaziergang bezahlt? Hat sie Freude, ihn vorzuführen? War es ihr Wunsch? Haben Werke wie dieses eine gesellschaftliche, ja sogar eine politische Botschaft? Kaisers Antwort lautet: „Ja.“ Auf welche Weise sich Arbeiten wie diese jedoch deuten lassen, liege im Blick der Betrachterin oder des Betrachters:
„Die Faszination des Erotischen liegt im Unvollendeten; völlige Nacktheit nimmt die Spannung. Eine tiefere Anziehung entsteht erst, wenn die Fantasie gefordert ist und die rein körperliche Ebene transzendiert wird.“
Josephine Kaiser
Kaisers Werke rufen durch das gezielte Spiel mit vertrauten Darstellungen des kollektiven Bildgedächtnisses unwillkürlich ein Schmunzeln hervor, auch wenn die Künstlerin selbst betont, nicht komisch zu sein. Ihre vielfältigen Inspirationen speisen sich aus Alltag, zwischenmenschlichen Momenten, dem Internet sowie historischen Erotikmagazinen und fließen in ein täglich wachsendes Bildarchiv ein. Fortsetzung folgt demnach.







