Es ist dieser Kick…
Wenn man den höchsten Punkt der Schaukelbewegung erreicht, kehrt sich die Bewegungsrichtung um. Für den winzigen Bruchteil einer Sekunde heben sich die Fliehkraft und die Schwerkraft fast auf. Man erfährt eine Kombination aus Schwerelosigkeit und freiem Fall. Unser Gleichgewichtsorgan signalisiert dem Gehirn sofort diese abrupte Veränderung, was als aufregendes Kribbeln im Bauch wahrgenommen wird.
Mit seinem Werk „Going Toward“ (japanischer Originaltitel: むかう, Mukau) aus dem Jahr 1996 hat der japanische Künstler Kenji Najima (*1967) diesen Kick aus Fliegen, Fallen und Kontrollverlust auf die Spitze getrieben. Sein Protagonist steht beim Schwungholen auf der Schaukel und sitzt nicht. Das Kribbeln im Bauch eskaliert. Die gebogenen Schaukelbänder signalisieren, dass der Scheitelpunkt längst erreicht ist. Hat der Schaukler noch alles im Griff? Vielleicht genießt er die daraus resultierende Ausschüttung von Adrenalin und Dopamin? Oder das Gefühl von Freiheit und Glück, ohne dass eine echte Panik entsteht. Einige von uns kennen diese Vibes von der Achterbahn.
Ein Künstler unter der Lupe
Najima weiß um den perfekten Rhythmus, mit dem wir uns in ungeahnte Höhen schwingen können. Er kennt das exakte Timing beim Vor- und Zurücklehnen, mit dem wir durch eigene Kraft die Schwerkraft überlisten und immer höher und schneller werden. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Grafik und Malerei, wobei der japanische Künstler häufig traditionelle Techniken wie hier den Holzschnitt nutzt. „Going Toward“ steht in der Tradition der Sōsaku-Hanga-Bewegung („kreative Drucke“). Werke wie dieses zeichnen sich meist durch eine stimmungsvolle, oft poetische oder leicht melancholische Atmosphäre aus, bei der die natürliche Maserung und Textur des Holzblocks sowie des handgeschöpften Papiers sichtbar bleiben. Die verwendeten Formen wirken abstrakt, minimalistisch und werden mit einer gedeckten, oft erdigen oder – wie in unserem Beispiel – fast rauchigen Farbpalette gebrochen.
Auf Bild-Recherche
Najima wurde in der Präfektur Mie geboren und beendete 1991 sein Studium an der Chikushi-Jogakuen-Universität. Seine Werke sind in namhaften nationalen Registern wie der „Art Platform Japan“ gelistet und tauchen gelegentlich auf dem internationalen Kunstmarkt auf. Ein weiteres Exemplar von „Going Toward“ (Auflage von 30) befindet sich in der Nishimoto-Sammlung, die das Fukuoka Art Museum beherbergt.
Mit seinem Linienspiel möchte Najima oft vage Erinnerungen an die Natur, an Bäume oder Vergangenes wachrufen. Auch diese Komposition hier lässt viel Raum für Assoziationen. „Beim Betrachter sollen spontan Gefühle oder Erinnerungen geweckt werden, die gar nicht zwingend direkt mit dem abgebildeten Motiv zu tun haben“, so der Künstler.






