Zitrone im ansprechenden Handkolorit von 1646

So fresh! Trotz Entstehungsjahr 1646 … Die Kupferstichradierung von Cornelius Bloemert II. verkörpert einen Trend im 17. Jahrhundert: Zitrusfrüchte waren angesagt. Beim Adel, bei Patriziern und in der Forschung.

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Sommerzauber

Zwei Besonderheiten gibt es zu dieser handkolorierten Darstellung einer Zitrone festzuhalten. Das Blatt ist wesentlich älter, als es aussieht: Giovanni Baptista Ferrari, auch Giovanni Battista Ferrari, veröffentlichte es 1646. Zum Zweiten steht das Motiv für einen Trend in ganz Europa: ein wachsendes Interesse an Zitrusfrüchten.

Begeisterung für Zitronen

In der Blütezeit der Renaissance waren Orangerien, also Gewächshäuser zur Kultivierung exotischer Arten wie dieser, beim nordeuropäischen Landadel bereits verbreitet. Doch nun setzt ihre systematische Erforschung ein. „Das technische Instrumentarium war begrenzt, aber die Faszination für Pflanzen – ihr Aussehen, ihre Struktur, sowie ihr medizinischer und landwirtschaftlicher Wert – wuchs“, schreiben David Lane und Marina Tweed in ihrer lesenswerten Veröffentlichung „The Gourmand’s Lemon“ (im Taschen Verlag).

Dort erfährt man auch, dass sich Botaniker, wie sie seit dem späten 17. Jahrhundert genannt wurden, bei ihrer Arbeit auf ihre Augen verlassen mussten. Fotos gab es ja noch nicht. „Was bedeutete, dass detaillierte Zeichnungen und Gemälde von Exemplaren ihnen halfen, Informationen zu sammeln und Hypothesen zu überprüfen.“

 

„Zitronen standen nicht allein für Reichtum, sondern waren mit ihren malerischen gelben Farbtönen und glänzenden Blättern auch ein neues und schönes Motiv.“

The Gourmand’s Lemon, Taschen Verlag

Unser Blatt mit der Bezeichnung „Limon Citratus In Ceenobio Teresiano Trans Tyberim“ war die 283. Tafel einer wissenschaftlichen Arbeit: „Hesperides sive de Malorum Aureorum Cultura et Usu“ – Hesperides oder die Kultivierung und Nutzung der goldenen Äpfel. Der Herausgeber Giovanni Battista Ferrari (* zwischen 1582 und 1585 in Siena, gest. 1. Februar 1655 ebenda) war Jesuit und Professor in Rom, Botaniker, und veröffentlichte verschiedene illustrierte Pflanzenbücher sowie ein lateinisch-syrisches Wörterbuch.

In dem oben genannten Tafelwerk widmet Ferrari sich den Zitrusfrüchten und ihren vielen Sorten und Variationen. Er beschreibt darin außerdem medizinische Zubereitungen, die auf Zitrus-Fruchtblüten oder ‑früchten basieren, und bezeichnet Limonen, Zitronen und Granatäpfel als Heilpflanzen gegen Skorbut.

Die Katalogisierung der Frucht

Die Gartenhistorikerin Helena Attlee nennt es ein typisches Produkt der wissenschaftlichen Revolution, die sich in diesem Zeitraum ereignete, sich von der bis dahin akzeptierten Weltsicht der Antike trennte und die Basis für die moderne Naturwissenschaft legte. Statt auf antiken Texten aufzubauen, nutzte Ferrari die Empirie: Soweit es ihm möglich war, untersuchte er jede Frucht genau, zählte ihre Segmente und Samen, probierte den Saft und hielt Farbe, Textur und Dicke der Haut fest.

Dafür korrespondierte er mit Anbauern von Zitrusfrüchten in ganz Italien. Dazu gehörten Fürsten, Kardinäle, Bauern und Gärtner. Sein Fragebogen verlangte nach Auskunft über den Namen der Pflanze, die Herkunft des Namens, das Aussehen des Baums, der Blätter, der Blüte und der Frucht sowie deren Verwendung. Die Aufgabe stellte sich als gewaltig heraus: Jede Region Italiens, die Zitruspflanzen anbaute, kultivierte häufig ihre eigenen, speziellen Sorten. Je nachdem, wo diese Sorten verwendet wurden, unterschied sich ihre Benennung. In seiner Auswertung teilte Ferrari Zitruspflanzen in strenge Kategorien ein: Zitronatzitronen, Zitronen und Orangen. Die zahlreichen Hybridformen wies er entschieden einer dieser Kategorien zu und er schuf eine weitere Kategorie für besonders auffällig geformte Früchte, der er den Namen frutte che scherzano (Scherzfrüchte) gab.

Technik

Kupferstichradierung von Cornelis Bloemart II. (1603-1684)

Veröffentlicht

„Hesperides sive de Malorum Aureorum Cultura et Usu“ von Hermann Scheus, Blatt 283, Rom 1646

Maße

Blattgröße: 35 cm x 24 cm, Stichmaß: ca. 30 cm x 20 cm

Zustand

Abgesehen von leichten, altersbedingten Anschmutzungen, befindet sich der sorgfältig von Hand kolorierte Kupferstichradierung in einem guten Zustand

Rahmung

Lackierter Holzrahmen, Museumsglas

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